Die Gemeine Nachtkerze (Oenothera biennis) ist eine faszinierende Pflanze. Mit ihren leuchtend gelben Blüten, die sich erst in den Abendstunden öffnen, gehört sie zu den eindrucksvollsten Erscheinungen unserer heimischen Flora. Seit Jahrhunderten wird sie sowohl als Nahrungs- als auch als Heilpflanze genutzt. Ihre Ernennung zur Heilpflanze des Jahres 2026 rückt diese traditionsreiche Pflanze nun erneut in den Fokus von Naturheilkunde und Botanik.

Botanisch gehört die Gemeine Nachtkerze zur Familie der Nachtkerzengewächse (Onagraceae). Es handelt sich um eine zweijährige, krautige Pflanze mit aufrechtem, oft leicht rötlich gefärbtem Stängel, lanzettlichen, leicht behaarten Blättern und großen, vierzähligen, zitronengelben Blüten. Sie kann eine Höhe von 50 bis 150 Zentimetern erreichen. Charakteristisch ist nicht nur der feine Duft der Blüten, sondern auch ihr ungewöhnlicher Blühzeitpunkt: Meist öffnen sie sich erst in der Dämmerung, was der Pflanze ihren Namen eingebracht hat.
Der Lebenszyklus der Nachtkerze verläuft über zwei Jahre. Im ersten Jahr bildet sie lediglich eine bodennahe Blattrosette und speichert in ihrer Pfahlwurzel Energie und Nährstoffe. Im zweiten Jahr entwickelt sie einen kräftigen Stängel, beginnt im Frühsommer zu blühen und bildet bis in den Herbst hinein Samen, bevor die Pflanze nach der Samenreife abstirbt. Erkennbar ist die Gemeine Nachtkerze unter anderem an ihren großen gelben Blüten mit vier Kronblättern, den länglichen Knospen, den rauen, leicht behaarten Blättern sowie den langen, vierkantigen Fruchtkapseln.
Ursprünglich stammt die Nachtkerze aus Nordamerika. Im 17. Jahrhundert gelangte sie nach Europa, wo sie sich rasch verbreitete und heute in nahezu allen Regionen fest etabliert ist. Man findet sie bevorzugt an sonnigen, trockenen Standorten mit lockeren Böden, etwa an Wegrändern, Bahndämmen, auf Brachflächen, in Kiesgruben, an Waldrändern oder entlang von Flussufern.
Besonders geschätzt wird die Gemeine Nachtkerze wegen ihrer wertvollen Inhaltsstoffe. Dazu zählen vor allem Gamma-Linolensäure, Linolsäure, Vitamin E, Phytosterole sowie Schleim- und Gerbstoffe. Diese Zusammensetzung macht sie zu einer wichtigen Heilpflanze in der traditionellen Pflanzenheilkunde. Innerlich wird insbesondere das aus den Samen gewonnene Nachtkerzenöl bei trockener Haut, Neurodermitis, hormonellen Beschwerden wie PMS oder in den Wechseljahren, bei entzündlichen Prozessen und zur Unterstützung des Fettstoffwechsels eingesetzt. Äußerlich findet es als Öl oder Salbe Anwendung bei juckender, gereizter oder schuppiger Haut, bei Ekzemen und kleineren Entzündungen. In der Volksmedizin nutzte man zudem Wurzel, Blätter und Samen bei Verdauungsbeschwerden, Hautproblemen und zur allgemeinen Stärkung.
Auch praktisch lässt sich die Nachtkerze vielseitig verwenden. Ein Tee aus Blättern oder Wurzel gilt als mild entzündungshemmend, schleimhautschützend und unterstützend für Magen und Darm. Für die Hautpflege kann aus den reifen Samen ein Ölauszug hergestellt werden, der bei trockener Haut, Juckreiz und Reizungen pflegend wirkt. Aus diesem Öl lässt sich wiederum eine Salbe zubereiten, die traditionell bei rissiger Haut, Ekzemen und leichten Entzündungen eingesetzt wird. Darüber hinaus sind die jungen Wurzeln aus dem ersten Jahr essbar: Als Wurzelgemüse zubereitet erinnern sie geschmacklich an Schwarzwurzel oder Pastinake und gelten als nährstoffreich und leicht verdaulich. Auch die Samen können, fein gemahlen und in kleinen Mengen verzehrt, zur Unterstützung von Haut und Stoffwechsel beitragen.
Kulturgeschichtlich spielte die Nachtkerze bereits bei den nordamerikanischen Ureinwohnern eine wichtige Rolle als Nahrungs- und Heilpflanze. In Europa wurde sie zunächst vor allem als Zier- und Wildpflanze geschätzt, bevor ihre medizinischen Eigenschaften wiederentdeckt wurden. Neben ihrem gesundheitlichen Nutzen besitzt sie auch eine hohe ökologische Bedeutung. Ihre Blüten dienen nachtaktiven Insekten als Nahrungsquelle, die Samen werden von Vögeln gefressen und als sogenannte Pionierpflanze trägt sie zur Begrünung offener Böden und zur Förderung der Artenvielfalt auf Brachflächen bei.

Die Auszeichnung zur Heilpflanze des Jahres 2026 würdigt die Gemeine Nachtkerze als vielseitige Heilpflanze mit moderner wissenschaftlicher Relevanz und zugleich großer ökologischer Bedeutung. Mit ihren wertvollen Inhaltsstoffen, ihrer wichtigen Rolle im Ökosystem und ihren vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten ist sie zu Recht eine bemerkenswerte Heilpflanze für unsere modernde Zeit.
Rezepte
1. Nachtkerzen-Tee (aus Blättern oder Wurzel)
Wirkung: mild entzündungshemmend, schleimhautschützend, unterstützend für Magen und Darm
Zutaten:
- 1 Teelöffel getrocknete Blätter oder fein geschnittene Wurzel
- 250 ml heißes Wasser
Zubereitung:
Die Pflanzenteile mit heißem Wasser übergießen, 10–15 Minuten zugedeckt ziehen lassen, abseihen.
Anwendung:
1–2 Tassen täglich bei leichten Magen-Darm-Beschwerden oder als begleitende Kur.
2. Nachtkerzenöl-Auszug (für Hautpflege)
Wirkung: pflegend bei trockener Haut, unterstützend bei Juckreiz und Reizungen
Zutaten:
- 2–3 Esslöffel reife Nachtkerzensamen
- 250 ml kaltgepresstes Pflanzenöl (z. B. Jojoba-, Mandel- oder Olivenöl)
- Schraubglas
Zubereitung:
Samen grob zerstoßen, in das Glas geben und mit Öl bedecken. Gut verschließen und 3–4 Wochen an einem warmen Ort ziehen lassen, dabei regelmäßig schütteln. Anschließend durch ein feines Tuch abfiltern.
Anwendung:
Dünn auf trockene oder gereizte Haut auftragen, auch als Massageöl geeignet.
3. Nachtkerzen-Salbe
Wirkung: bei rissiger Haut, Ekzemen, leichten Entzündungen
Zutaten:
- 100 ml selbst hergestelltes Nachtkerzenöl (siehe oben)
- 10 g Bienenwachs
Zubereitung:
Öl im Wasserbad erwärmen, Bienenwachs darin schmelzen lassen. Kurz abkühlen lassen und in saubere Salbentiegel füllen.
Anwendung:
1–2-mal täglich dünn auf die betroffenen Hautstellen auftragen.
4. Nachtkerzen-Wurzelgemüse (traditionelle Küche)
Wirkung: nährstoffreich, leicht verdauungsfördernd
Zutaten:
- junge Nachtkerzenwurzeln (aus dem ersten Jahr)
- etwas Öl, Salz, Gewürze nach Geschmack
Zubereitung:
Wurzeln gründlich waschen, schälen und in Scheiben schneiden. In wenig Öl anbraten oder wie Wurzelgemüse dünsten.
Verwendung:
Als Beilage oder in Kräuterpfannen. Geschmacklich erinnert die Wurzel leicht an Schwarzwurzel oder Pastinake.
5. Samen als Nahrungsergänzung
Wirkung: unterstützend für Haut und Stoffwechsel
Die reifen Samen können fein gemahlen und in kleinen Mengen (z. B. ½ Teelöffel täglich) über Müsli oder Salate gestreut werden.

