Die Ethnobotanik der Weihnachtsdüfte – Einleitung & Historie

Die Advents- und Weihnachtszeit ist geprägt von intensiven Düften und Aromen, die bei vielen Menschen sofort Assoziationen von sinnlicher Gemütlichkeit und Winterruhe hervorlocken. Was wäre das winterliche Treiben in den warmen Stuben ohne den Duft von Nadelbäumen, exotischen Gewürzen und Zitrusfrüchten? Und daran hat selbst der zunehmende Trend zu künstlichen Tannenbäumen aus Plastik nichts geändert. Bei allem Fortschritt stellt man nämlich schnell fest: dem künstlichen Plastikbaum mangelt es an Weihnachtsduft. Mit Hilfe ätherischer Öle oder Räucherkegel, die um diese Jahreszeit sogar in vielen Supermärkten angeboten werden, wird der Hunger nach authentischem Winterdüften befriedigt und selbst der unnatürlichste Baum zum duften gebracht.

Doch was hat es eigentlich mit diesen Düften auf sich? Warum nutzen wir gerade diese typischen Weihnachtsaromen, die teilweise aus so fernen Ländern stammen und welche Geheimnisse und verborgenen Kräfte oder Heilwirkungen schlummern in ihnen?

Genau dies will ich in dieser Artikel Serie in der Advents- und Weihnachtszeit 2021 etwas genauer beleuchten. Die Serie gliedert sich in 4 Teile, die jeweils an den Montagen bis zum Weihnachtsfest erscheinen werden. Den Beginn soll diese Einleitung bilden, bei der ich etwas auf die Hintergründe und Geschichte der besonderen Weihnachtsduftwelt eingehen möchte. Warum sind die Düfte von Nadelbäumen, Zitrusfrüchten und exotischen Gewürzen für uns so untrennbar mit der Weihnachtszeit verbunden?

Der Grund, warum wir den Duft von harzigen Nadelbäumen mit der Winterzeit verbinden, lässt sich am, einfachsten erklären. Immerhin handelt es sich hier um einheimische Gewächse, die die Menschen zumindest früher direkt vor Ihrer Haustür fanden. Da die Nadelbäume im Winter ihr Nadelkleid nicht verlieren, sondern auch im tiefsten Schnee und in kältesten Temperaturen ihren grünen Schein bewahren, waren diese immergrünen Gewächse schon lange ein Symbol für das unsterbliche Leben der Natur im ewig wiederkehrenden Jahreskreis. In einer Zeit, in der um uns herum die sommerliche Fülle an Pflanzen abgestorben ist, die kahlen Äste der Bäume leblos in die eisigen Lüfte ragen und sich Tiere und Pflanzensamen in den Schoss der Erde zurückziehen, während die Schneedecke das unsichtbare Treiben gänzlich verhüllt, scheint die Welt ein lebloser und trostloser toter Ort zu sein. Dann ist das unverändert grüne Kleid der unbezwingbar wirkenden Tannen, Fichten Kiefern und anderer Nadelbäume geradezu ein leuchtender Schimmer der Hoffnung und Gewissheit, dass das Leben auch in dieser Zeit nicht gänzlich vergeht. Es ist ein Zeichen der Widerstandskraft und der Hoffnung auf ein baldiges Widererwachen der Lebenskräfte im Frühjahr.

Besonders in früheren Zeiten, in denen auch die Menschen weit mehr in den natürlichen Lauf der Natur eingebettet waren und auch menschliche Verluste aufgrund von Krankheit, Kälte und Hunger besonders in der kalten Jahreszeit ein Teil des Lebens waren, brachte das Ritual, sich die immergrünen Zweige in die warmen Stuben zu holen, eine beruhigende und hoffnungsvolle Atmosphäre in die Ruhe des winterlichen Lebens. Holz und Nadeln der Nadelbäume sind reich an ätherischen Ölen und verströmen in den geheizten Stuben ihren typischen Duft. Auf diese Weise wirkt die Symbolik des Weihnachtsgrüns nicht nur optisch, sondern auch olfaktorisch auf uns Menschen. Bis heute erinnert unser modernes Brauchtum an die frühen heidnischen Rituale. Kein Wunder also, dass ein Duft, der schon so lange unsere Winterzeit prägt, zu einem aromatischen Sinnbild für eben jene geworden ist.

Doch warum sind ausgerechnet die stark aromatischen Gewürze aus exotischen Ländern wie etwa Zimt, Kardamom und Gewürznelken mit unseren Weihnachtsbräuchen verbunden? Warum würzen wir unser Weihnachtsgebäck mit diesen starken und fremdartigen Aromen? Warum nutzen wir nicht auch hier einheimisches? Die Antwort auf diese Frage mag überraschen und wirkt in unserer modernen Welt ein wenig befremdlich.

Das moderne Weihnachtsgebäck wie etwa Lebkuchen, Stollen und Spekulatius hat seinen Ursprung in schlecht gewordenem Fett. In früheren Zeiten, in denen moderne Techniken und Geräte zur Haltbarmachung von Lebensmitteln noch nicht erfunden waren, und frische Lebensmittel nur zu bestimmten Zeiten im Jahreskreis zu ernten waren, war es nicht immer leicht, diese für die kalte und karge Zeit des Jahres zu konservieren. Da Nahrung aber kostbar war und jedes bisschen mehr an Vorrat über Leben oder Tod im Winter entscheiden konnte, wurden Lebensmittel, die ihre beste Zeit überschritten hatten und verdarben nicht einfach weggeschmissen. Man aß was man hatte. So auch ranziges Fett. Insbesondere die Butter, die aus der fettreichen Milch von Weidegenährten Kühen bereits in den warmen Monaten hergestellt wurde, war zur Zeit des Winters oft schon ranzig, übelriechend und streng im Geschmack. Das kalorienreiche Fett war aber essentiell, um in der Winterzeit zu überleben. Unzählige fettreiche Speisen wurden gebacken und verzehrt und noch heute erinnern die verschiedensten frittierten Hefeteiggebäcke und butterreiches Weihnachtsgebäck an diesen Brauch. Um den Geschmack der ranzigen Butter zu überdecken, wurden diesen Zubereitungen stark aromatische Gewürze beigefügt, die den strengen Geschmack des verdorbenen Fettes überdecken sollten. Die typische Weihnachstgewürzmischung, die wir noch heute schätzen war geboren. Denn wenn es um stark aromatische Gewürze geht, so sind die kostbaren Stoffe aus exotischen Ländern unseren einheimischen Würzmitteln sehr weit überlegen. Wer also mal ein wirklich authentisches Weihnachtsessen probieren möchte, der kann ja mal versuchen seine Weihnachtsleckereien mit ranzigem Fett zu backen.

Und was ist mit den Zitrusfrüchten? Warum finden diese aus weitaus wärmeren Gegenden stammenden Früchte nun ausgerechnet in der kalten Winterzeit ihren Weg in unsere Kammern? Nun, heutzutage mag es sein, dass wir diese Früchte das ganze Jahr über im Supermarkt kaufen können. Gewächshäuser und modernste Anbau- und Transporttechniken ermöglichen es uns, dass wir auch hier nicht mehr auf den natürlichen Jahreslauf angewiesen sind. Aber auch das war früher anders. Wie gesagt, Zitrusfrüchte kommen ursprünglich aus Gegenden, in denen es ganzjährig ein wärmeres Klima hat. Und diese Gegenden finden sich viele Kilometer südlich unserer winterlichen Welt des Nordens. Wie die meisten Früchte wachsen und reifen auch die Zitrusfrüchte über die Sommermonate und sind dann erst im späten Sommer bis Herbst erntereif. In früheren Zeiten wurden viele der dann geernteten und lange haltbaren Früchte auf Schiffe verladen und über den Seeweg in den Norden verschifft. Als exotische Handelsware konnten Händler mit diesen Früchten ein gutes Geld verdienen. Doch der Seeweg ist langsam. Vor allem früher, als Segelschiffe die einzige Transportmöglichkeit für die lange Reise war. Und so kam es, dass diese sommerlichen Früchte erst in der frühen Weihnachtszeit im winterlichen Norden auf den Märkten der Hafenstädte zu finden waren. Und da man sich zur Weihnachtszeit auch mal etwas Abwechslung gönnen wollte, kauften die Menschen als besondere Speise für die Festtage die exotischen Früchte auf den Weihnachtsmärkten.

Nun sind zumindest die historischen Hintergründe der Weihnachtsdüfte etwas gelüftet. Was die Duft- und Aromastoffe im Einzelnen noch für Geheimnisse und Heilkräfte verbergen, dass werde ich in den kommenden Artikeln näher ausführen. Am nächsten Montag erschient ein ausführlicher Artikel über die Geheimnisse und Heilkraft des Nadelbaumduftes…

Text: Fabian Kalis

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