Kategorie: Pflanzen

Die Gewöhnliche Traubenkirsche (Prunus padus) ist ein bis zu 15 Meter hohes, sommergrünes Gewächs. Die kann sowohl in Strauchform als auch in Baumform wachsen. Die Traubenkirsche blüht von April bis Juni und bildet kleine, weiße in Trauben hängende Blüten. Die Blüten haben einen intensiven an Bittermandel erinnernden Duft. Nach der Blüte bilden sich erbsengroße Früchte, die zunächst rot, später schwarz sind und in Trauben von bis zu 30 Früchten an den Ästen hängen. Diesen kirschähnlichen in Trauben reifenden Früchten verdankt die Traubenkirsche ihren Namen. Die Früchte reifen im Spätsommer und werden insbesondere von verschiedenen Vogelarten verzehrt.

Das reife Fruchtfleisch ist ungiftig und genießbar. Lediglich der Steinkern enthält ein für den Menschen unverträgliches Blausäureglykosid (Amygdalin). Sofern die Samen jedoch unzerkaut eingenommen werden, stellen diese keine Vergiftungsgefahr dar. Aufgrund der Inhaltstoffe in den Samen wird die Traubenkirsche jedoch in Kräuterbüchern häufig als giftig angegeben. Wenn man die Früchte jedoch entkernt, sind Sie unbedenklich und essbar. In Mecklenburg-Vorpommern kocht man traditionell eine Marmelade aus den Früchten. Auch die Rinde der Traubenkirsche enthält das unverträgliche Blausäureglykosid Amygdalin.

In manchen Gegenden wird die Traubenkirsche auch als Faulbaum bezeichnet. Dies kann zu Verwechslungen mit dem Echten Faulbaum (Prunus frangula) führen. Auch botanisch haben die beiden Pflanzen viele Gemeinsamkeiten, die eine Unterscheidung für Laien schwierig machen kann. Unterscheiden kann man die beiden Sträucher gut am Geruch der abgeschabten Rinde. Die Traubenkirsche duftet intensiv nach Bittermandel (oder auch Honig oder Marzipan) der Echte Faulbaum hat ein faulige Duftnote. Auch am Blattrand der ansonsten ähnlichen Blätter ist eine Unterscheidung zu erkennen: Der Faulbaum hat einen glatten Blattrand, die Blätter der Traubenkirsche sind leicht gezahnt.

Weitere Namen der Traubenkirsche sind Sumpfkirsche und Elsenbeere. Der Name Sumpfkirsche deutet darauf hin, dass die Traubenkirsche gerne an feuchten, sumpfartigen Standorten wächst.

Besonders in Osteuropa finden die biegsamen Zweige der Traubenkirsche als Flechtmaterial Verwendung. Das Holz wird zudem gerne zum Drechseln genutzt. Auch als Zierpflanze in Parkanlagen und Gärten findet die Traubenkirsche zunehmend Verwendung.

Text: Fabian Kalis

Bild: Prof. Dr. Otto Wilhelm Thomé Flora von Deutschland, Österreich und der Schweiz 1885, Gera, Germany

Der Faulbaum (Rhamnus frangula) ist eine Pflanzenart innerhalb der Familie der Kreuzdorngewächse, welche in Strauchform häufig in unseren heimischen Wäldern zu finden ist.

Der Name Faulbaum geht dabei auf den Fäulnisgeruch der Rinde zurück, der besonders intensiv wahrzunehmen ist, wenn man die Rinde mit dem Fingernagel abschabt. Der typische unangenehme Duft der Faulbaumrinde wurde früher genutzt, um Motten von den Kleidern fernzuhalten. Hierzu legten die Menschen frische abgeschälte Rindenstücke inzwischen die Kleidungsstücke. Dies war zwar ein wirksames Mittel, um die Klamotten vor Mottenverbiss zu schützen, allerdings nahmen die Kleider auch den fauligen Geruch der Rinde auf.

Dieser Fäulnisgeruch ist auch ein wichtiges Bestimmungsmerkmal des Faulbaumes. Aufgrund seiner Erscheinung kann der Faulbaum leicht mit der Traubenkirsche verwechselt werden, die dem Faulbaum ähnliche Blattform, Blüten und Früchte hat. Die abgeschabte Rinde der Traubenkirsche duftet zwar auch intensiv, ihr Aroma erinnert aber mehr an Marzipan. Der Faulbaum hingegen wartet mit seinem unverwechselbaren Fäulnisgeruch auf. Eine weitere Möglichkeit der Unterscheidung ist der Blattrand: Beim Faulbaum sind die Blattränder glatt, die Traubenkirsche hat einen leicht gezahnten Blattrand.

Die Rinde des Faulbaums wird auch in der Pflanzenheilkunde angewandt. Als Frangulae cortex wird die Rinde pharmazeutisch als Abführmittel genutzt. Die Hauptanwendung der Rinde ist daher bei kurzzeitigen Verstopfungen.  Verantwortlich für die pharmakologische Wirkung sind Glucofranguline. Daneben enthält Faulbaumrinde Frangulaemodinglykoside, Gerbstoffe und Peptidalkaloide. Da die Wirkstoffe in der frischen Rinde chemisch gebunden sind und erst durch chemische Zersetzungsprozesse freigesetzt werden, muss die Pflanzendroge entweder in der Sonne getrocknet und anschließend 1 Jahr gelagert oder aber künstlich durch Erhitzen auf 80 °C – 100 °C gealtert werden, um eine wirksame Medizin zu erhalten.

Der Faulbaum ist auch unter den Namen Pulverholz oder Schießbeere bekannt. Diese Namen gehen auf die Verwendung des Holzes zur Schießpulverherstellung zurück. Die aus Faulbaumholz hergestellte Holzkohle hat einen äußerst geringen Aschegehalt, was sie früher zu einem besonders geeignetem Rohstoff bei der Herstellung von Schwarzpulver gemacht hat. Es ist aber auch möglich, dass der Name Schießbeere nicht auf das Wort Schießen zurück geht, sondern als Schietbeere oder Scheißbeere ursprünglich die abführende Wirkung der Rinde beschrieben hat.

Darstellung des Faulbaums aus Franz Eugen Köhler, Köhler’s Medizinal-Pflanzen

Der Faulbaum hat zwittrige grünlich-weißliche Blüten, die von Hummeln, Bienen, Schlupfwespen und verschiedenen Käfern bestäubt werden. Nach der Bestäubung bilden sich kleine bis 8 mm große Steinfrüchte, die zunächst grün später im Reifeprozess rot werden und bei vollständiger Reife schwarz sind. Die Blütezeit beginnt im Mai und reicht bis in den September. Der Baum bildet dabei immer wieder neue Blüten. So finden sich an einem Baum oftmals Blüten und Früchte in verschiedenen Reifezuständen gleichzeitig. Die ersten reifen Früchte finden sich ab August an den Bäumen, verbleiben aber bis in den Dezember am Baum, bevor sie herabfallen. Die Früchte werden gerne von verschiedenen Vogelarten gefressen, die so für die Verbreitung der Samen sorgen.

In der Literatur werden sämtliche Teile des Faulbaums als leicht giftig eingestuft. Die Giftwirkung gleicht dabei aber der pharmazeutisch genutzten Wirkung des Baumes. Der Konsum von Blättern, Rinde, Blüten oder der unreifen oder reifen Früchte kann zu Übelkeit und Erbrechen sowie zu starkem Durchfall führen. Da für diese Wirkung aber große Mengen an Pflanzenmaterial aufgenommen müssen, sind Vergiftungen selten.

Text: Fabian Kalis

Bildnachweis: Franz Eugen Köhler, Köhler’s Medizinal-Pflanzen, 1897, gemeinfrei

Seit vielen Jahren bin ich ein regelmäßiger Besucher in den Wäldern der Palinger Heide. Nicht nur bei den unzähligen Kräuterwanderungen, die ich dort geleitet habe, sondern auch bei zahlreichen privaten Ausflügen und Spaziergängen habe ich dieses Naturgebiet mittlerweile sehr umfassend kennengelernt. Vieles ist über die Jahre gleich geblieben. Mit großer Sicherheit kann ich das Erscheinen bestimmter Pflanzenarten im Jahreslauf vorhersagen und sichergehen, dass bestimmte Heilpflanzen an manchen Stellen jedes Jahr aufs Neue auftauchen.

Manches verändert sich aber auch. Einige Pflanzen wurden im Laufe der Jahre weniger, andere mehr. Etwas, was ich besonders in diesem Jahr feststellen konnte, ist ein stark vermehrtes Auftreten von zwei speziellen Heilpflanzen.

Blüten des Gamander-Ehrenpreis

Die erste Pflanze ist der Ehrenpreis (Veronica spp.). Der Ehrenpreis war zwar keine unbekannte aber dennoch zumindest bisher eine seltene Erscheinung in den hiesigen Wäldern. In diesem Jahr jedoch kann man seine kleinen blau-lilafarbenen, zarten Blüten an zahlreichen Plätzen entdecken.

Der Wald-Ehrenpreis (Veronica officinalis)

Die Ehrenpreise sind eine sehr artenreiche Pflanzengattung, die etwa 450 verschiedene Arten enthält. Viele der Arten werden in der Heilkunde verwendet. Botanisch gehören sie zur Familie der Wegerichgewächse. Bei den meisten Arten handelt es sich um kleine, krautige Pflanzen mit vierzähligen weißen bis blauen oder lilafarbenen Blüten.

Die in der Heilkunde angewandten Arten enthalten als Hauptwirkstoffe Aucubin (dieser Wirkstoffe verleiht auch dem ebenfalls zur Familie der Wegerichgewächse gehörende Spitzwegerich seine Heilwirkung) Iridroidglykoside, Flavonoide, Saponine und Gerbstoffe.

Der Name Ehrenpreis geht laut einem Kräuterbuch aus dem Jahre 1500 auf die Lobpreisung eines Französischen Königs zurück, der mit einem aus Ehrenpreis gewonnen Saft von einer chronischen Hautkrankheit geheilt wurde. Weitere volkstümliche Namen lauten Wundheilkraut, Grundheilkraut, Allerweltsheil und Gewitterblümchen.

Der Gamander-Ehrenpreis (Veronica chamaedrys)

Viele der Namen deuten dabei auf die Heilwirkung der Pflanze hin. Der Name Gewitterblümchen geht dabei auf einen alten Volksglauben zurück, nach dem das Abpflücken dieser Pflanzen Regen oder Gewitter hervorrufen soll.

Die am häufigsten zu Heilzwecken genutzetn Arten sind der Gamander-Ehrenrpeis (Veronica chameadrys) und der Wald-Ehrenpreis (Veronica officinalis). Die Pflanzen werden hauptsächlich innerlich als Tee angewendet. Dabei sollen sie entzündungshemmend auf die Atemwege und auswurffördend wirken. Daher nutzt man den Ehrenrpreis gerne bei entzündlichen Erkankungen der Atemwege (Bronchitis) oder zum Lösen festsitzenden Schleims in der Lunge. Verantwortlich für die entzündungshemmende Wirkung sind dabei das Aucubin sowie die Gerbstoffe. Die Saponine hingegen erklären die schleimlösende Wirkung der Pflanze.

Auch eine äußerliche Anwendung der Pflanze ist bekannt. Extrakte aus der Pflanze werden bei entzündlichen Hautleiden (wie etwa Neurodermitis oder Schuppenflechte) genutzt. Sie sollen dabei entzündungshemmend und Juckreiz lindernd wirken. Auch hier sind wieder das entzündungshemmende Aucubin sowie die Gerbstoffe als Wirkstoffe zu nennen. Auch eine wundheilende Wirkung wird dem Kraut zugeschrieben. Hierzu wurden Umschläge aus dem zerhackten, frischen Kraut auf die Wunden gelegt.

Eine dritte Anwendung ist das Gurgeln des Tees aus der Pflanze. Die soll gegen Beschwerden wie Entzündungen, Schwellungen und Schmerzen im Mund und Halsbereich helfen.

Die zweite Pflanze, die ich in diesem Waldgebiet in diesem Jahr sogar erstmalig erblicke, ist die Kleine Braunelle (Prunella vulgaris). Bisher war mir die Pflanze nur aus Kräuterbüchern und botanischen Gärten bekannt. In freier Natur hatte ich sie noch nicht gesehen. Doch das änderte sich mit diesem Jahr. Wie von Zauberhand erscheinen an allerlei Orten nun die typischen Blütenstände des heilkräftigen Gewächses.

Blütenstand der Braunelle (Prunelle vulgaris)

Die Kleine Braunelle gehört zur Gattung der Braunellen (Prunella) innerhalb der Familie der Lippenblütler. Sie ist eine immergrüne, ausdauernde, krautige Pflanze. Die Pflanze wird 5 cm bis 30 cm hoch und hat einen beharrten Stängel an dem eliptisch bis eiförmige Blätter gegenständig angeordnet sind. Der Blattrand ist leicht gekerbt. Die Pflanze blüht von Juni bis Oktober. Der dicht gedrängte Blütenstand beinhaltet viele blaulila-farbene Einzelblüten. Selten finden sich auch Exemplare mit weißlichen Blüten.

Botanische Zeichnung der Braunelle

Der Name Braunelle erklärt sich aus der Anwendung als Medizin zur Behandlung von Diphterie im Mittelalter. Diese Krankheit wurde früher auch Bräune-Krankheit genannt, da sie faulige, weißliche bis gelblich-bräunliche Verfärbungen im Rachen hervorruft. Aber auch zur allgemeinen Stärkung des Immunsystems und zur Behandlung anderer bakterieller und viraler Infektionen wurde die Braunelle angewendet. Als wirksame Inhaltsstoffe enthält die Braunelle Prunellin (ein Polysaccharid), Gerbstoffe, Saponine, Flavonoide sowie verschiedene Terpene und Triterpene (ätherische Öle). Insbesondere der Wirkstoff Prunellin ist eine mögliche Erklärung für die antivirale Wirkung der Pflanzen. In einer Labor-Studie konnte sogar eine gewisse Aktivität des Wirkstoffes Prunellin gegen das HI-Virus nachgewiesen werden.

Die Braunelle wächst häufig in Gruppen

Viele lokale volkstümliche Pflanzennamen gehen auf die Anwendung der Pflanze zur Behandlung der Diphterie zurück. So heißt sie in manchen Orten auch Mundfäulkraut, Rachenheyl, Halskraut oder Mundfäulzapfen. Andere Pflanzennamen wie Selbstheil, Gottsheil und Immergsund deuten auf die allgemeine Heilwirkung auch bei anderen Leiden hin. Besonders im asiatischen Raum ist die Braunelle bis heute eine beliebte Heilpflanze bei vielerlei Leiden.

Wenn man sich die Heilwirkungen dieser beiden Pflanzen anschaut, kommen sie in der aktuellen Zeit gerade Recht. Zwei Pflanzen: eine die gegen entzündliche Erkrankungen der Atemwege hilft und eine die immunstärkend und antiviral wirkt. Was wäre während einer Pandemie einer hochansteckenden Viruserkrankung, die hauptsächlich die Lungen befällt, passender? Ist ihr vermehrtes Auftreten ein reiner Zufall oder steckt da doch mehr dahinter? Zumindest in früheren Zeiten waren sich die Kräuterkundigen sicher, dass Heilpflanzen vermehrt dann und dort auftauchen und wachsen, wo sie benötigt werden.

Mit unserem modernen, rein rationalem Weltbild ist so eine Vorstellung natürlich nicht zu vereinen. Doch was auch immer es ist, dankbar über eine so passende Medizin aus der Natur dürfen wir in jedem Fall sein. Und wer weiß, vielleicht ergeben zukünftige Studien ja auch eine offizielle Heilkraft aus der Natur gegen die neuartige Viruserkrankung.

Text: Fabian Kalis

Bildnachweis:

Karelj via Wikimedia Commons

Agnieszka Kwiecień, Nova, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons

Carl Axel Magnus Lindman, gemeinfreies Werk

Ivar Leidus, CC BY-SA 3.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons

Prof. Dr. Otto Wilhelm Thomé Flora von Deutschland, Österreich und der Schweiz 1885, Gera, Germany, gemeinfreies Werk

Forest & Kim Starr, CC BY-SA 3.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons

 

 

Die wilde unberührte Natur weckt in vielen Menschen eine Vorstellung von Freiheit, Entspannung und vor allem eines Ausgleichs zu unserer modernen, hektischen Welt und all den Problemen der menschlichen Kultur. Und in der Tat hilft uns der Kontakt zur Natur dabei uns an etwas Ursprüngliches und Großes anzubinden, unseren Stresslevel zu senken und uns auf uns selbst und ein Leben im Hier im Jetzt zu besinnen und dabei sämtliche Probleme des Alltags zumindest für einen Augenblick zu vergessen.

Doch die menschliche Kultur wäre nicht menschlich, wenn ihre negativen Auswüchse nicht auch in diese unbeschwerte Welt jenseits von Gut und Böse und jenseits von Ideologien, Wertvorstellungen und menschlichen Idealvorstellungen vordringen würde. Ein Phänomen, welches ganz besonders bei vermeintlichen Umweltschützern immer mehr mit erschrecken festzustellen ist, ist etwas, das ich gerne etwas provokant als Pflanzenrassismus bezeichne.

Mit Pflanzenrassismus meine ich die fragwürdigen Überzeugungen einiger Menschen, die sich als selbst deklarierte Naturschützer dem Ziel verpflichtet haben, alle fremdartigen Gewächse, alle ursprünglich nicht einheimischen Pflanzen, alle sogenannten Neophyten zu verteufeln, sie an ihrer Ausbreitung zu hindern und im Idealfall gänzlich auszurotten. Der Hass ist dabei in den meisten Fällen natürlich nicht persönlich gegen eine bestimmte Pflanzenart gerichtet. Natürlich mag man diese Pflanzen und sie haben ja auch ihre Daseinsberechtigung. Aber eben nicht hier in unserem Land. Sie sollen dort wachsen, wo sie herkommen.

Vertrocknete Blüten einer Kanadischen Goldrute (Solidago canadensis). Ein gefürchteter Neophyt, wichtige Heilpflanze und Nektarquelle für hungrige Insekten

In Einzelarbeit oder groß angelegten Gruppenaktionen werden die fremdartigen Gewächse in wilder Natur herausgerissen und bekämpft. Mit einer hasserfüllten Zerstörungswut werden sogenannte Säuberungsaktionen durchgeführt, bei denen nicht selten sogar das selbstgesetzte Ziel verfehlt wird. Allzu häufig ist es um die botanische Kenntnis der „Naturschützer“ nämlich nicht besonders gut bestellt, sodass nicht nur die gefürchteten Neophyten herausgerissen werden, sondern auch einheimische Pflanzen, die den Zuwanderern ähnlich sehen. Im schlimmsten Falle werden dabei sogar einheimische Arten vernichtet, die aufgrund ihrer Gefährdung bereits unter einem besonderen gesetzlichen Schutz standen. Schon mehr als einmal sorgten eben solche Aktionen, für Schlagzeilen in den Medien.

Das indische Springkraut (Impatiens glandulifera): invasiver Schädling oder wichtige Bienenweide?

Ich weiß nicht wie es anderen geht, aber zumindest bei mir läuten bei solchen Ideologien, Vorstellungen und Vorgehen die Alarmglocken. Die ideologischen Parallelen zu den dunklen Abgründen zwischenmenschlicher Grausamkeit in Vergangenheit und Gegenwart sind nicht von der Hand zu weisen und absolut erschreckend. Dort wo die Welt mit einem derart hasserfüllten Weltbild wahrgenommen wird, bei dem allein die Herkunft eines Wesens über sein Recht zu Leben entscheidet und wo mit politischen Hetzkampagnen großangelegte Säuberungsaktionen propagiert und angeregt werden, da ist es nicht weit, dass dieses Gedankengut sich von Pflanzen auch auf Menschen ausbreitet. Und wohin das führt, das hat uns die Geschichte schon mehr als einmal in all ihrer Grausamkeit gelehrt. Das ist eine Entwicklung, der wir mit aller Macht entgegenwirken sollten.

Auch das Kleine Springkraut (Impatiens pariflora) sehen viele lieber in seiner asiatischen Heimat. Doch Bienen lieben die Blüten, Kinder die explodierenden Samenkapseln und die Blätter sind lieblich und zart im Geschmack…

Genau aus diesem Grund widme ich den Neophyten bei meinen Kräuterwanderungen und Exkursionen immer eine ganz besondere Aufmerksamkeit und Erklärung. Ich versuche aufzuzeigen, welche wunderbaren Eigenschaften ihnen innewohnen, welche Lücken sie in den Ökosystemen füllen, in denen sie sich ausbreiten, welchen Mehrwert sie nicht nur uns Menschen bringen und warum ihr Erscheinen in moderner Zeit aus erdgeschichtlicher Sicht etwas ganz normales ist. Dabei bringt jede einzelne Pflanzenart natürlich ihre ganz eigenen Besonderheiten mit sich und ihre Geschichten von Immigration in ferne Ökosysteme sind oftmals spannend. Und wenn wir anfangen uns die richtigen Fragen zustellen, dann rüttelt es ganz von allein an festgefahrenen Vorstellungen und negativen Ideen zum Thema Neophyten. Warum zum Beispiel sind unsere urdeutschen Kastanienbäume, die in keinem Biergarten fehlen dürfen, eigentlich keine bösen Neophyten, obwohl Sie hier im frühen Mittelalter noch gänzlich unbekannt waren und erst durch arabische und persische Reiter eingeschleppt wurden? Mit solchen und anderen erhellenden Fragestellungen kann man dem Pflanzenrassismus nach und nach die fehlende Rationalität enthüllen und so manchen Geist zum Umdenken bewegen. Sobald man beginnt die Dinge in größeren Maßstäben zu betrachten, wenn man längere Zeiträume berücksichtigt und Probleme ganzheitlich analysiert, dann kommt man nämlich unweigerlich zu dem Ergebnis, dass die Neophyten gar nicht die Ursache sind für die vermeintlichen Schäden und Gefahren, die man ihnen so oft anhängt. So konnte ich tatsächlich schon den ein oder anderen, der mit Beginn der Kräuterwanderung eine negative Haltung zu den Neophyten hatte, soweit aufklären, dass am Ende der Wanderung auch die zugewanderten Pflanzen in einem positiven und willkommenen Licht gesehen wurden.

Und das gibt mir dann doch wieder ein wenig mehr Hoffnung auch für das menschliche Zusammensein, denn wenn so eine Veränderung der Weltanschauung hin zum Positiven in Hinblick auf Pflanzen möglich ist, dann ist es das auch für menschliche Belange. In diesem Sinn möchte ich dazu einladen, die Natur mal einfach wahrzunehmen wie sie ist und dabei den eigenen Filter von Bewertung und Aufspaltung in Gut und Böse auszuschalten. In der Natur gibt es keine Moralvorstellungen, kein Gut, kein Böse. Die Natur ist. Punkt. Und das kann eine sehr heilsame Erkenntnis sein. Heilsam für uns selbst und heilsam für die Menschheit als Ganzes.

Text: Fabian Kalis

Bilder. www.pixabay.com

 

In vielen Gärten, in Wäldern, in Hecken und Gebüschen tauchen im Frühling kleine Pflänzchen mit rosa- bis lilafarbenen Blüten auf, die in großer Anzahl etwas Farbe in die sonst noch farb- und laubkarge Frühlingswelt bringen. Nur 15 cm – 30 cm hoch und mit kleinen gefiederten Blättern zeigt hier eine typische Frühlingspflanze ihren kurzen Auftritt. Kaum sind die Blätter ausgetrieben, blüht das kleine Kraut und schon und ist bereits nach wenigen Wochen bestäubt, versamt und verschwindet genauso schnell und plötzlich wieder, wie es gekommen ist. In dieser frühen Blütezeit finden sich zahlreiche Insekten, wie etwa Honigbienen und verschiedene Hummel- und Wildbienenarten an den Blüten und bedienen sich am reichen Angebot der beliebten Blüten. Die Rede ist vom Hohlen Lerchensporn (Corydalis cava). Mittlerweile ist der Lerchensporn eine beliebte Zierpflanze in naturnahen Gärten. Von vielen Gärtnern wird er jedoch als Rasenunkraut empfunden und schnellstmöglich übergemäht oder ausgegraben. Um den Bienen und anderen Insekten jedoch etwas Gutes zu tun, sollten die prachtvollen Blütenpflanzen jedoch auch in aufgeräumten Gärten ihren Platz finden dürfen. Ihr Wuchs uns ihre Blütezeit sind nur kurz und so früh im Jahr, dass man das erste Mähen auch auf das Ende der Blütezeit dieser Pflanzen schieben kann. Werden die kleinen Pflanzen direkt nach der Blüte abgemäht, erfolgt auch keine Versamung und eine weitere Verbreitung, die den „schönen“ Zierrasen zerstören könnte, ist nicht zu erwarten. Es gibt also kein Argument dagegen, diese nützlichen und schönen Pflanzen auch zumindest stellenweise in konventionellen Gärten wachsen zu lassen. Die Bienen und Hummeln und andere Insekten werden es danken.

Der Hohle Lerchensporn gehört zur Gattung der Lerchensporne (Corydalis), in der es rund 300 verschiedene Arten gibt, die vornehmlich auf der Nordhalbkugel in den gemäßigten Gebieten vorzufinden sind. Typisch ist bei allen Arten die Blütenform mit einem Sporn an dem Kronblatt. Dadurch weisen die Blüten eine gewisse Ähnlichkeit mit der Erscheinung der Haubenlerche (Galerida cristata) auf, was diesen Pflanzen ihren Namen gegeben hat.

Hohler Lerchensporn mit Blüten

Die Lerchensporne bilden nach der Blüte kleine Schoten, in denen schwarz glänzende Samen zu finden sind. Viele Arten bilden zudem unterirdische Knollen als Überwinterungsorgane. So kommt es, dass die Pflanzen im Frühjahr an den immer gleichen Stellen wieder wachsen.

Die Haubenlerche: Namensgeber für den Lerchensporn

Am meisten verbreitet ist in Deutschland der Hohle Lerchensporn, der auch Hohlknolliger Lerchensporn genannt wird. Sowohl der deutsche Name als auch der botanische Artenname cava (von lateinisch cavus = hohl) deuten auf die hohlen Knollen hin, die typisch für diese Art sind. Diese Pflanze wächst in Gruppen und bildet pro Pflanze bis zu 20 Blüten, die in einer Traube zusammenstehen. De Lerchensporn wächst gerne an schattigen Plätzen in Gärten, in Laubwäldern, in Gebüschen und mag lockeren, nährstoffreichen Lehmboden.

Der Hohle Lerchensporn gilt als schwach giftig. Teilweise wird in der Literatur zumindest für die unterirdischen Pflanzenteile aber sogar eine starke Giftigkeit angegeben. Inwieweit schwere Vergiftungen tatsächlich auftreten, ist fraglich. Zumindest für die oberirdischen Pflanzenteile finden sich aber keine Hinweise auf schwere Vergiftungsfälle. Hauptverantwortlich für eine potenzielle Giftwirkung sind die Wirkstoffe Corydalin, Bulbocapnin sowie Tetrahydropalmatin, ein Alkaloidgemisch, welches zum Blühbeginn in seiner höchsten Konzentration in der Pflanze zu finden ist. In der frischen Knolle kann der Alkaloidgehalt bis zu 2 % betragen. Neben diesen Alkaloiden finden sich noch eine Reihe anderer Wirkstoffe in geringer Konzentration, die für die Wirkung mit verantwortlich sind.

Blüte des Lerchensporn

Der Lerchensporn erzeugt bei Einnahme entsprechend großer Mengen eine katalepsieartige Bewegungsarmut bis hin zu einer vollständigen Aufhebung der willkürlichen und reflektorischen Bewegungen ohne dabei jedoch eine Muskelerstarrung zu verursachen. Hohe Dosierungen sollen zudem hypnotisch Wirken. Diese Wirkungen werden vor allem dem Alkaloid Bulbocapnin zugeschrieben. Weiterhin wirkt der Lerchensporn sedativ und tranquilierend, wofür vor allem der Wirkstoff Tetrahydropalmatin verantwortlich ist. Aufgrund dieser Wirkungen wurde der Lerchensporn früher als Heilpflanze verwendet. Obwohl unerwünschte Nebenwirkungen bei korrekter Dosierung nicht auftreten, wird in moderner Zeit von der Verwendung dieser Pflanze aufgrund möglicher Vergiftungen bei falschen Dosierungen abgeraten.

Blätter des Lerchensporn

Die hypnotsiche, beruhigende und sedierende Wirkung der Pflanze, war eine der Hauptanwendungen in er früheren Pflanzenheilkunde. Als es noch keine Anästhetika gab, verwendete man den Lerchensporn als Beruhigungsmittel während Operationen. Weiterhin galt die Wurzelknolle verschiedener Lerchensporne, die früher alle als Holwurz bezeichnet wurden, nach dem kräuterkundigen Tabernaemontanus als wundheilend und leberstärkend und als ein Mittel „wider alles Gift“. In Osteuropa werden die stärkehaltigen Wurzelknollen zudem als Nahrungsmittel genutzt. Dies ist ein Hinweis darauf, dass eine entsprechend starke Giftwirkung, wie sie in der Literatur oft angeben wird, anzuzweifeln ist. Auch wurde die Pflanze früher bei Entzündungen der Schleimhäute und der Atemwege, sowie bei Rheuma und Gicht angewendet.

Text: Fabian Kalis

Bilder:

Pflanzenportrait: Dr. Erich W. Schreiner, CC BY-SA 3.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0>, via Wikimedia Commons, unverändertes Bild

Haubenlerche: Artemy Voikhansky, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons, unverändertes Bild

Laubblätter:  Kristian Peters, CC BY-SA 3.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0>, via Wikimedia Commons, unverändertes Bild

Blüte: Fritz Geller-Grimm, CC BY-SA 3.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0>, via Wikimedia Commons, unverändertes Bild

 

 

 

 

Immer mehr Menschen fangen an, die konventionelle Ideologie des ewigen Wachstums, der Profitmaximierung und der maximalen Ausbeutung sämtlicher Rohstoffe infrage zu stellen und erkennen den Sinn nachhaltiger Ansätze. Sie beginnen die Dinge in einer ganzheitlichen Betrachtungsweise zu sehen und somit auch ökologische Zusammenhänge zu verstehen und mitzuberücksichtigen, wenn es um die eigenen Entscheidungen geht. Das ist eine sehr positive Entwicklung. Unter Ihnen finden sich natürlich auch zahlreiche Bauern, Tierfarmer & Hobbytierhalter. Im Rahmen dieser Neuausrichtung des eigenen Blickwinkels besinnen sich viele Menschen wieder auf altes Wissen, auf alte Betriebsweisen, auf all die fast vergessenen Konzepte, die es den Menschen vor der Industrialisierung der Landwirtschaft ermöglichten, eine nachhaltige Bewirtschaftung der Natur zu gestalten.

Ein Aspekt dieser Rückbesinnung ist es, sich wieder mit Gemüse-, Obst- oder Futterpflanzen zu befassen, die im Laufe der Zeit in Vergessenheit geraten sind, da sie in der Welt der intensivierten Monokulturen nicht mehr zukunftsfähig waren. Sie brauchen eine nachhaltige Anbaumethode und ein ökologisch ausgewogenes Umfeld, damit sie gedeihen. Etwas wofür in der modernen, konventionellen Landwirtschaft kein Platz ist. In einer Zeit, in der aber langsam ein Sinneswandel in vielen Köpfen vor sich geht und der Sinn und Vorteil nachhaltiger Anbaumethoden wieder einen vermehrten Anklang findet, werden auch die Vorteile der alten Sorten wiedererkannt. Viele dieser alten Sorten besitzen nämlich eine geballte Pflanzenpower, die in modernen Arten und Züchtungen ihres gleichen sucht. So enthalten manche der alten, fast vergessenen Nutzpflanzen eine deutlich höhere Nährstoffkonzentration, einen höheren Eiweiß- oder Zuckergehalt oder sogar heilende Wirkungen. Sie sind in der Regel robuster gegenüber Witterung und Schädlingen und benötigen daher keine Wachstumsverstärker, künstliche Düngemittel oder Herbizide, Fungizide, Pestizide und Neonicotinoide.

Eine dieser fast vergessenen Futterpflanzen ist die Esparsette. Die Esparsetten sind eine Gattung in der Familie der Hülsenfrüchtler (Fabacae), auch Leguminosen genannt. Viele Pflanzen innerhalb dieser Familie haben eine lange Geschichte der Nutzung als Futterpflanzen und auch moderne Züchtungen einiger weniger Arten machen auch heute noch einen Großteil des Viehfutters in der modernen konventionellen Landwirtschaft weltweit aus. Zu ihnen gehören unter anderem Alfalfa, Lupine, Klee und Sojabohnen. Die Esparsetten kennt heute jedoch kaum noch einer.

Bis zum Beginn der modernen Agrarindustrie war vor allem die Saat-Esparsette (Onobrychis viciifolia) eine beliebte Weide- und Futterpflanze. Sie wurde in Europa seit dem 16ten Jahrhundert großflächig angebaut und diente als nahrhafte und widerstandsfähige Weide- und Futterpflanze. Da sie sich jedoch schlecht in Monokulturen anbauen lässt und sie eine intensiv Nutzung und Überweidung schlecht verträgt, wurde sie in moderner Zeit durch andere Arten wie etwa Alfalfa verdrängt. Wie alle Leguminosen ist auch die Esparsette ein Bodenverbesserer. Leguminosen leben symbiotisch mit stickstoffbindenen Bakterien und sind so in der Lage Stickstoff aus der Luft aufzunehmen und zu verarbeiten und so im späteren Verlauf dem Boden zuzuführen, wo er dann für andere Pflanzen verfügbar ist. Mit Wurzeln, die bis zu einer Tiefe von 4 Metern hinabreichen, ist die Esparsette ein Tiefwurzler. Der Wuchs dieser Pflanzen lockert somit den Boden bis in tiefe Schichten und wirkt so auf eine weitere Art und Weise Boden verbessernd.

Die Esparsette hat einen sehr hohen Gehalt an Proteinen, Vitaminen und Mineralstoffen. Besonders für die eiweißreiche Ernährung von Milchvieh ist sie daher eine geeignete Futter- und Weidepflanze. Aber auch Pferde fressen die nährstoffreichen Pflanzen gerne. Sie sollten jedoch nicht zu viel auf einmal aufnehmen, da ein zu viel an Proteinen sich negativ auf das Verdauungssystem der Pferde auswirken kann.

Saat-Esparsette (Onobrychis viciifolia)

Die Esparsette hat jedoch noch weitere Inhaltsstoffe, die sie in ihrer Wirkung von anderen Pflanzen aus der gleichen Familie unterscheidet: Die Esparsette enthält Tannine. Tannine sind pflanzliche Gerbstoffe. Diese Stoffe binden Wasser, wirken antiseptisch, entzündungshemmend, antiparasitär und blutstillend. Die Esparsette wirkt somit als Futterpflanze vorbeugend gegen Darmparasiten, Durchfallerkrankungen und Kotwasser. Diese Eigenschaft ist es, die die Esparsette wieder vermehrt in das Licht der modernen Futterpflanzen rücken lässt. Ein wieder weitläufiger Anbau auf den ohnehin häufig völlig überweideten Pferdeweiden ist zwar für diese alte Pflanze noch nicht in Sicht, im Pferdebedarfshandel findet man aber zunehmend auch Heucobs (aus getrocknetem Pflanzenmaterial gepresste Pellets) die aus dieser fast vergessenen Futterpflanze hergestellt werden. So haben auch Hobbytierhalter die Möglichkeit ihren Tieren diese Pflanze zur Verfügung zu stellen und die besondere Wirkung für ihre Tiere nutzbar zu machen.

Ihren Namen hat die Pflanze übrigens von dem französischen Wort Esparcet, was übersetzt Süßklee bedeutet und die nahe Verwandtschaft und Ähnlichkeit dieser beiden Pflanzengattungen zum Ausdruck bringt.

Doch nicht nur Pferdehalter und Milchbauern können sich an den positiven Wirkungen dieser alten Nutzpflanze erfreuen, auch die Bienen und andere Nektar sammelnde Insekten lieben die rosa-weiß blühenden Schmetterlingsblüten. Die Esparsette bietet eine große Menge an Nektar und Pollen und ist daher auch als Bienenweide für Imker und als Nahrungsquelle für Wildbienen und andere Insekten eine wichtige Pflanze.

Text: Fabian Kalis

Bildnachweis: Eric Steinert, CC BY-SA 3.0 <http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/>, via Wikimedia Commons

Mit dem Frühling sind auch die ersten wilden Leckereien in der Natur zu finden. Bereits an den ersten warmen Sonnentagen kann man in den Wäldern, in Gärten und an Wegesrändern eine schmackhafte Frühlingsnascherei entdecken. Die Rede ist von Kätzchen. Damit sind natürlich nicht die kuscheligen Vierbeiner gemeint, die als beliebtes Haustier in den Gärten herumschleichen. Es geht um die Blütenkätzchen verschiedener Bäume und Sträucher. Diese eiweißreichen Pollenspender sind oftmals nicht weniger flauschig als ihre tierischen Namenskollegen, können aber auch bedenkenlos von Veganern gegessen werden.

Auch Birkenkätzchen sind eine geballte Ladung an Frühlingskräften.

Besonders schmackhaft sind die gelben Haselkätzchen, die teilweise bereits im Januar oder Februar an den noch kahlen Haselsträuchern zu finden sind. Diese länglichen Würmchen lassen sich aufgrund der oft bodennahen Äste der Sträucher gut sammeln. Wichtig hierbei: Nie zu viele Kätzchen auf einmal sammeln. Auch unsere tierischen Mitbewohner erfreuen sich an den Kraftpaketen. Bienen sammeln hier den ersten Pollen des Jahres, Rehe und anderes Wild benötigen die energiereichen Blüten, um das karge Nahrungsangebot des Winters zu überstehen. Und auch Pferde, so man sie denn lässt, fressen die leicht süßlichen Vitaminspender ebenfalls sehr gerne. Und bei all dem Schmaus möchte der Haselstrauch schließlich auch noch genügend Pollen in den Wind abgeben, um eine ausreichende Bestäubung zu gewährleisten. Und wir freuen uns doch auch, wenn es im Herbst eine reiche Haselnussernte gibt.

Haselstrauch mit vielen Haselkätzchen im Frühling

Die Haselkätzchen können natürlich einfach pur direkt wie sie vom Strauch kommen gegessen werden, noch leckerer werden sie aber, wenn man sie nach folgendem Rezept zubereitet und anrichtet:

Süße Haselkätzchen Nascherei

Die Haselkätzchen in einer Pfanne in Gänseschmalz anbraten bis sie leicht gold-braun sind. Eine Scheibe Weißbrot ebenfalls in dem Fett knusprig toasten. Die fertigen Haselkätzchen auf das Toast geben und nach Belieben mit etwas Honig oder Apfelmus übergießen. Fertig ist eine leckere Süßspeise für Groß und Klein.

Die Haselkätzchen enthalten bis zu 20 % Eiweiß, bis zu 10 % Aminosäuren, viele unterschiedliche Vitamine und wichtige Spurenelemente. Sie sind ein wahres Kraftpaket in der Frühlingskur mit wilden Pflanzenleckerein. Vorsicht ist jedoch geboten, wenn man auf den Pollen allergisch ist. In dem Fall sollte man auf den Genuss der sehr pollenhaltigen Kätzchen verzichten.

Auch die Blüten der Birken lassen sich wunderbar als Nahrung nutzen. Da sie aber meistens nur in den hohen Baumkronen zu finden sind, ist ihre Ernte weitaus schwieriger als bei den Haselkätzchen. Manchmal findet man jedoch junge Birken, die mit ihren Blüten noch nicht so hoch hinaus sind. Die Birkenkätzchen lassen sich genauso zubereiten wie die Haselkätzchen, sind aber etwa kräftiger im Geschmack. Hier eignet sich daher auch ein etwas herzhafteres Rezept:

Rührei mit Schinken und Birkenkätzchen

Etwas Schinken und eine Zwiebel würfeln und in Fett anbraten. Sobald die Zwiebeln glasig sind, werden die Birkenkätzchen mit dazugeben und kurz mit gebraten. Anschließend die nach belieben gewürzten, verquirlten Eier dazugeben und unter gelegentlichem Wenden solange braten, bis das Ei die gewünschte Konsistenz hat. Fertig ist eine deftige Speise, die einen mit einer geballten Ladung an Eiweißen, Fetten und Nährstoffen versorgt. Die Blütenkätzchen bringen dabei eine leichte Süße mit in den Mix, die hervorragend mit der salzigen und kräftigen Note der Speise harmoniert. Natürlich können hierfür auch die Haselkätzchen verwendet werden.

Text: Fabian Kalis

Bild: www.pixabay.com, Fabian Kalis

Auch wenn, dieser Ausruf der Überraschung wahrscheinlich zuletzt bei unseren Großeltern zeitgemäß wahr, so kennen auch heute noch viele seine Bedeutung. Man drückt mit diesem Spruch ein Erschrecken über ein unerwartetes Ereignis aus. Weit weniger bekannt ist allerdings die Herkunft dieser Redewendung. In ihr versteckt sich nämlich ein Hinweis auf alte Pflanzenzauber und Frühlingskräuter.

Löwenzahn und Gänseblümchen: typische Frühlingskräuter der Grünen Neune. Auch die Bienen frühen sich.

Die Grüne Neune, Neunkräutersegen, Neunkräuterzauber oder auch neunerlei Kräuter sind traditionelle Bezeichnungen für eine Zubereitung aus 9 verschiedenen Frühlingskräutern. Diese Mischung wurde in alten Tagen als Frühjahrskur genutzt, um den Mangel des Winters auszutreiben. In Zeiten in denen es noch keine Supermärkte mit ganzjährig aus aller Welt importierten Gemüsearten gab, war es schwierig, sich über den Winter mit ausreichend frischem Grün und somit den nötigen Vitaminen zu versorgen. Viele Menschen litten daher an Vitaminmangel, auch bekannt als Skorbut. Früher nannte man diese Krankheitserscheinung Scharbock und man stellte sich vor, dass ein bocksbeiniger Winterdämon hierfür verantwortlich war. Mit dem stark Vitamin-C-haltigen Scharbockskraut, welches mit als Erstes sein Grün in die Frühlingssonne streckt, konnte man diesen Wintergeist aus den Körpern vertreiben. Daher erinnert noch heute der Name dieses Krautes daran.

Neben dem Scharbockskraut gibt es natürlich noch zahlreiche andere Frühlingskräuter mit ähnlichen Eigenschaften. Welche genau davon zu der grünen Neune gehörten, unterscheidet sich je nach Region ein wenig. Das ergibt Sinn, bedenkt man, dass in unterschiedlichen Regionen ja auch unterschiedliche Pflanzen vermehrt vorkommen. Man benutzte, was man kannte und was häufig zu finden war.

Pflanzen, die aber fast überall in dem Neunkräutersegen zu finden waren sind Wegerich (Plantago spp.), Beifuß (Artemisia spp.) und die Brennnessel (Urtica spp.). Häufig findet man auch den Löwenzahn (Taraxum spp.), Gänseblümchen (Bellis perennis) sowie Vogelmiere (Stellaria media) in den Rezepten und Überlieferungen. Weiterhin kommen je nach Region noch die Grundelrebe (Glechoma spp.), Knoblauchrauke (Alliaria petoliata), Giersch (Aegopodium podragaria), Schafgarbe (Achillea millefolium), Bärlauch (Allium ursinum), Kamille (Matricaria chamomilla) oder auch das oben genannte Scharbockskraut (Ranunculus ficaria) mit dazu. Alle diese Kräuter haben gemeinsam, dass sie eine große Menge an Vitaminen enthalten (hauptsächlich Vitamin C) und bereits im zeitigen Frühling ihre zarten Blätter aus der teilweise noch schneebedeckten Wintererde treiben. Einige von Ihnen wirken zudem blutreinigend und blutbildend (Löwenzahn, Brennnessel) andere wirken antibakteriell, antiviral und entzündungshemmend und sind somit gut gegen die typischen Erkältungskrankheiten des Winters (Knoblauchrauke, Bärlauch, Kamille). Ebenfalls finden sich in diesen Frühlingskräutern viele wichtige Spurenelemente, Eiweiße und andere Nährstoffe, die die Müdigkeit austreiben und die Frühlingskräfte in einem wecken.

Diese Kräuter wurden in der Regel frisch und roh gegessen. Gelegentlich kochte man auch eine Kräutersuppe aus ihnen. Auch als Heilkräutertee fanden sie ihre traditionelle Anwendung in einigen Gegenden. Aus einer modernen Betrachtungsweise macht jedoch die rohe Verwendung am meisten Sinn, da beim Erhitzen viele der Vitamine zerstört werden.

Den Ursprung dieser besonderen neunerlei Kräuter findet man in der Lacnunga, einer Sammlung altenglischer Kräuterheilmethoden aus dem 9. bis 10. Jahrhundert. Hier findet sich der Nine Worts Galdor (Nine Herbs Charm, Neun Kräuter Zauberspruch), in dem die Zubereitung und Wirkung von neun magischen Kräutern beschrieben wird. Diese Dichtung gliedert sich in drei Teile, wobei zunächst die Pflanzen beschwört werden. Hierbei werden die Pflanzen nach und nach angesprochen und es wird begründet, warum gerade diese Pflanze eine so besondere Wirkung hat. Der zweite Teil ist der Zauberspruch, ohne den sich die heilenden Wirkungen der Kräuter nicht entfalten können und im letzten Teil wird ein genaues Rezept zur Herstellung einer wirksamen Medizin aus den neun Kräutern genannt. Bei einigen der in diesem Text genannten Pflanzenangaben ist man sich jedoch nicht sicher, um welche Pflanzen es sich botanisch handelt. Zweifelsfrei wurden jedoch der Wegerich (im Text: wegbrade), Beifuß (im Text: mucgwyrt) und Brennnessel (im Text: stiðe) identifiziert.

Hier ein Auszug aus dem Originaltext des Nine Worts Galdor mit deutscher Übersetzung:

Ond þu, wegbrade, wyrta modor,
eastan openo, innan mihtigu;
ofer ðe crætu curran, ofer ðe cwene reodan,
ofer ðe bryde bryodedon, ofer þe fearras fnærdon.
Eallum þu þon wiðstode and wiðstunedest;
swa ðu wiðstonde attre and onflyge
and þæm laðan þe geond lond fereð.

Deutsche Übersetzung:

Und du, Wegerich, Mutter der Kräuter,
nach Osten geöffnet, innen mächtig;
Karren fuhren über dich hinweg, Königinnen ritten über dich,
über dir weinten Bräute, schnaubten Ochsen.
Ihnen allen widerstehst und widerstandest du;
so widerstehst du auch Gift und Ansteckung
und dem Verhassten, der über das Land fährt.

(Vers 7–13 des Nine Worts Galdor aus der Lacnunga)

Was haben diese neun mächtigen Zauberkräuter aber nun mit der modernen Bedeutung der Redensart zu tun? Das erklärt sich durch die Art und Weise, in der diese Frühlingskräuter in Erscheinung treten. Wir können es jedes Jahr aufs Neue erleben. Sobald nach den langen, kalten und kargen Wintermonaten die erste warme Frühlingssonne die Landschaft erwärmt, erwacht die Frühlingskraft mit einem Schlag zum Leben. Man kann förmlich zugucken, wie das Leben in der Natur zurückkehrt. Teilweise wachsen von einem Tag auf den anderen ganze Pflanzenteppiche auf  Flächen, die am Tag zuvor noch mit Schnee bedeckt waren. Förmlich über Nacht sprießen Blätter und Kräuter an allen Ecken und Enden in der Natur. Es ist eine nach dem Trott der langen Winternächte unerwartete und plötzliche Erscheinung des wiedergeborenen Lebens. Und diese freudige Überraschung fand dann ihren Weg in den uns bekannten Ausruf: ach du grüne Neune!

Text: Fabian Kalis

Bilder: www.pixabay.com

Ist der Baum, den ich dort sichte

eine Tanne oder Fichte?

Um zu schauen, geh ich tiefer

in den Wald hinein und sehe:

Es ist doch wohl eine Kiefer,

neben jener ich nun stehe.

Fabian Kalis

Egal ob beim Weihnachtsbaumkauf (siehe meinen Artikel „Oh weh Tannenbaum„), beim Zapfensammeln im Wald oder beim Kauf ätherischer Nadelbaum Öle: Häufig ist von Tannen die Rede, ganz gleich, ob der gemeinte Baum tatsächlich eine Tanne ist oder nicht. Blau-Fichten werden in der Weihnachtszeit konsequent als Blau-Tannen vermarktet, Kinder (und auch Erwachsene) erfreuen sich über Tannenzapfen am Waldboden und selbst in der Apotheke erhält man ätherisches Öl mit der Aufschrift „Tanne“, das aus Fichten hergestellt wurde. Eines wird da schnell klar: Die Unterscheidung unserer einheimischen Nadelbäume fällt im Allgemeinen sehr schwer. Dabei ist es eigentlich ganz einfach unsere drei häufigsten Nadelbäume auf einen Blick zu unterscheiden. Wie das geht, das möchte ich in diesem Artikel näher bringen. Dazu gebe ich die typischen Merkmale von Tannen, Fichten und Kiefern an. Da es natürlich innerhalb der drei Gattungen viele unterschiedliche Arten gibt, die sich teilweise mehr oder auch weniger stark unterscheiden, versuche ich auf Gattungstypische Merkmale einzugehen oder beziehe mich auf die bei uns einheimischen Arten.

Tanne (Abies spp.)

Tannen sind in Norddeutschland eher selten zu finden. Sie sind ein typischer Baum des bergigen Süddeutschlands und der Alpenregion. Sie wachsen in typischer Kegelform und können gerade bei jungen Bäumen bis zum Boden beastet sein. Die Äste wachsen waagerecht, umlaufend in Etagen um einen geraden Hauptstamm. Sie werden etwa 50 Meter hoch.

Die Nadeln sind weich, piksen nicht und wachsen in Reihen seitlich aus den Zweigen. Sie sind ca. 3 cm lang. Die Zweige haben eine glatte Oberfläche.

Die Borke ist grau bis weißlich und glatt bei jungen Bäumen und wird rissig bei älteren Exemplaren.

Die etwa 10 cm bis 16 cm langen Zapfen wachsen nach oben gerichtet an den Ästen. Tannenzapfen fallen nicht komplett im Stück von den Bäumen. Sie Blättern Schuppe für Schuppe im Wind ab und verteilen so ihre Samen. Daher findet man am Waldboden auch keine Tannenzapfen. Lediglich die dünnen, kahlen Gerippe  fallen irgendwann zum Waldboden.

Tannen sind Tiefwurzler und bilden eine Pfahlwurzel aus, die mehrere Meter ins Erdreich reicht. Dadruch sind sie sehr resistent gegenüber Stürmen und Winden.

Fichte (Picea spp.)

Fichten wachsen entweder in einer Zylinderform mit spitzen Wipfel oder auch der typischen Kegelform. Die Äste wachsen leicht nach unten geneigt quirlig rund um einen einzelnen geraden Hauptstamm. Durch diese Anwinkelung können Fichten wesentlich besser auch mit großen Schneelasten zurechtkommen. Man findet sie daher bis in den hohen Norden hinein als die letzten Bäume vor der Baumgrenze. Sie können bis zu 70 Meter hoch werden und sind damit der höchste einheimische Nadelbaum.

Die Nadeln sind hart, stechen und piksen. Sie wachsen rund herum um die Zweige und sind 1,5 bis 2 cm lang. Die Oberfläche der Zweige ist höckerig.

Die Borke ist bräunlich-rot, bei alten Bäumen gräulich und schuppig.

Die Zapfen sind 10 cm bis 15 cm lang und wachsen hängend an den Ästen. Sie fallen sowohl nach dem Öffnen und Entlassen der Samen als auch ungeöffnet bei starkem Winde herab. Man kann sie häufig auf dem Waldboden finden. Sie sind eher weich und haben zarte, dünne Schuppen.

Fichten sind Flachwurzler und sind daher nur 1 m – maximal 2 m tief in der Erde verwurzelt. Daher sind sie besonders in Monokulturen stark gefährdet durch starke Winde entwurzelt zu werden.

Kiefer (Pinus spp.)

Kiefern wachsen, sofern sie genügend Platz haben, stark verzweigt und bilden mehrere Kronen aus. Diese sind kegel- oder schirmförmig. Die Nadeln wachsen nur an den Baumkronen. Der untere Teil des Stammes, oder der verzweigten Stämme ist kahl. Die Beastung der Kiefern erfolgt in lockeren Astetagen. In Monokulturen zeigt sich jedoch häufig ein Wuchs mit nur einem einzelnen geraden Hauptstamm.

Die Nadeln wachsen paarweise in den Blattscheiden und kommen in Büscheln rund um den Ast verteilt vor. Sie sind zwischen 4 cm & 8 cm lang.

Im unteren Teil ist die Borke grau. Sie verfärbt sich zur Krone hin jedoch rötlich. Die Borke ist gefurcht und hat glatte große Schuppen.

Im geöffneten Zustand sind die 3 cm bis 8 cm großen Zapfen eiförmig. Im geschlossenen Zustand sind sie kegelförmig. Sie wachsen hängend an den Ästen. Sie fallen sowohl nach dem Entlassen der Samen als auch ungeöffnet bei starkem Winde komplett vom Baum und lassen sich häufig am Waldboden finden. Sie sind hart, holzig und haben dicke, feste Schuppen.

Kiefern sind Tiefwurzler, die eine lange Pfahlwurzel ausbilden. Damit können sie auch in sehr trockenen und sandigen Gebieten ausreichend Wasser aufnehmen.

 

Hier noch ein kurzer Spruch, der hilft Tannen und Fichten zu unterscheiden:

„Die Ficht, die sticht, die Tanne nicht.“

Und ist man sich nach all dem immer noch unsicher, dann kann man jeden Nadelbaum, der Zapfen ausbildet auch einfach als Konifere bezeichnen. Das ist immer richtig, denn Konifere bedeutet: „Zapfen tragend“. Das klingt dann, als ob man Ahnung hätte, obwohl man in Wirklichkeit nicht einmal die drei typischen einheimischen Nadelbäume unterscheiden kann…

Bilder: www.pixabay.com

 

Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum, was du bist, das weiß man kaum…

Der Weihnachtsbaum: Tanne, Fichte oder doch was ganz anderes?

Alle Jahre wieder beginnt bei Millionen von Menschen die Suche nach dem geeigneten Weihnachtsbaum. Die Zeiten in denen man einfach im Wald einen lokalen Baum geschlagen und in die winterliche Stube verbracht hat sind für die meisten lange vorbei. Stattdessen wartet ein immer größer werdendes Handelsimperium mit einem riesigen Angebot an Bäumen auf. Wer möchte, der erhält seinen Baum heutzutage bequem per Post nach Hause geliefert. Auf Wunsch sogar mit Aufstell- und Anschlussservice…

Die diesem alten Brauch innewohnende Bedeutung ist kaum mehr bewusst (mehr dazu in meinem Artikel Weihnachtsschmuck & Wintergrün aus dem letzten Jahr). Die immer beliebteren und vollkommen unnatürlichen Plastikbäume als moderne und ach so ökobewusste Alternative zum echten Baum im eigenen Heim zeigen ganz klar, dass auch das letzte bisschen Sinn und Hintergrund dieser alten Tradition verloren und vergessen ist. Was bleibt ist ein sinnentleertes Ritual. Was sich aber in den ganzen Jahren nicht geändert hat, ist die oft irreführende Bezeichnung Tannenbaum für alle diese hölzernen Zimmergenossen, denn nicht selten sind die angebotenen Weihnachtsbäume nämlich gar keine Tannen.

Bis in die 60er Jahre war die Gemeine Fichte Picea abies der beliebteste Weihnachtsbaum in Deutschland. Auch heute noch finden sich viele dieser auch als Weihnachts-Fichten bezeichneten Exemplare im Angebot der Baumverkäufer. Bei dieser Art sorgt aber selbst der botanische Name für zunehmende Verwirrung im Baumwirrwarr: Picea ist die Gattungsbezeichnung der Fichten. Soweit alles klar. Die Artenbezeichnung abies (klein geschrieben) hingegen bedeutet „Tanne“. Nicht zu verwechseln mit Abies (groß geschrieben), der Gattungsbezeichnung der Tannen. Man könnten den Namen dieses Baumes also mit Tannenfichte übersetzen. Logisch, oder etwa nicht? Ein Vorteil dieses Weihnachtsbaumes: die Gemeine Fichte ist ein einheimischer Nadelbaum, der häufig in deutschen Wäldern angebaut wird. Man kann also mit Leichtigkeit einen lokalen Baum ohne weite Transportwege bekommen. Viele Forste bieten diese Bäume auch direkt zum Selberschlagen im heimischen Wald an. Wegen der rötlich braunen Färbung der Rinde wird dieser Baum auch als Rot-Fichte bezeichnet. Da die Menschen aber scheinbar schon lange ein Problem mit der Auseinanderhaltung von Fichten und Tannen haben, hat sich umgangssprachlich der Name Rot-Tanne für diesen Baum durchgesetzt.

Mittlerweile hat sich jedoch die aus den USA stammende Stech-Fichte Picea pungens als einer der beliebtesten Weihnachtsbäume weltweit durchgesetzt. Grund hierfür: im Vergleich zu anderen Fichten behält diese Art nach dem Schlag lange ihre Nadeln. Zudem verfügt sie über einen hohen Gehalt an ätherischen Ölen, die für den typischen weihnachtlichen Nadelbaumduft sorgen. Auch wenn diese Art hierzulande forstwirtschaftlich für den Weihnachstbaumverkauf angebaut wird, so sind zahlreiche der hier angebotenen Bäume Importe aus fernen Ländern. So wurde auch die Weihnachtstradition erfolgreich globalisiert. Aber auch dieser Baum sorgt mit seinem Namen für mehr Verwirrung: die Stech-Fichte wird auch Blau-Fichte genannt, da ihre Nadeln eine blaugrüne Färbung aufweisen. Der Begriff Blau-Fichte ist zwar botanisch korrekt, wird in unserem modernen Sprachgebrauch aber kaum verwendet. Durchgesetzt hat sich auch hier hingegen die eigentlich falsche Bezeichnung Blautanne für diesen Baum. Der Grund dafür ist die große Ähnlichkeit mit einem anderen Nadelbaum: der ebenfalls als Blautanne bezeichneten Edeltanne Abies procera.

Die als Blautanne bezeichnete Blau-Fichte (Picea pungens)

Die Edeltanne Abies procera und insbesondere spezielle Zuchtformen von dieser Art mit einem besonders blaugrünen Nadelkleid sind zwar tatsächlich echte Tannen und werden unter der Bezeichnung Blautanne auch als Weihnachtsbaum genutzt, mit einem Anteil von nur 5 % am gesamten Weihnachtsbaumgeschäft ist dies aber keine häufige Erscheinung. Die allermeisten als Blautannen angebotenen Weihnachtsbäume sind hingegen eigentlich die Blau-Fichten.

Lediglich die Nordmanntanne Abies nordmanniana ist tatsächlich eine echte Tanne und spielt eine große Rolle beim Weihnachtsbaumvekauf. Hier passt der Name. Und diesen Baum kann man dann auch botanisch korrekt als Tannenbaum bezeichnen. Leider stammen auch hier fast alle Bäume nicht aus heimischen Forsten sondern haben eine lange Reise quer um die Welt hinter sich, bevor sie in unseren Stuben landen. Der Vorteil dieser Baumart: wie alle Tannen behält auch die Nordmanntanne ihre Nadeln sehr lange nach dem Schlag.

Die ebenso beliebte „Nobilistanne“ ist übrigens auch eine Form der Edeltanne Abies procera. Anders als ihr blaugrüner Verwandter wird diese Variante wegen ihrer silbrig schimmernden Nadeln auch gerne als Silbertanne bezeichnet. Botanisch handelt es sich jedoch bei beiden Bäume um verschiedene Varianten der gleichen Baumart. In speziellen Zuchtformen werden diese ganz natürlichen Unterschiede jedoch besonders hervorgebracht.

Eine weitere echte Tanne, die zumindest in den USA gerne als Weihnachtsbaum genutzt wird, ist die Colorado-Tanne Abies concolor. In unseren Gegenden spielt dieser Baum ursprünglich keine Rolle. Da aber auch das Weihnachstbaumgeschäft zunehmend digital, online, globalisiert und mit einem stetig wachsenden Sortiment von statten geht, kann man auch in Deutschland mehr und mehr Exemplare dieser Baumart erwerben.

Neben den Fichten und Tannen und Tannenfichten und Tannen, die eigentlich Fichten sind gibt es natürlich auch noch ganz andere Nadelbäume, die als weihnachtliches Grün genutzt werden.

Zu erwähnen wären hier noch die Douglasien (Pseudotsuga spp.). Diese artenreiche Baumgattung ist ebenfalls hauptsächlich in Nordamerika zu finden und spielt dort eine wichtige Rolle als Weihnachtsbaum. Hier in Europa kann man beim versierten Weihnachstbaumhändler des Vertrauens und natürlich auch online im Weihnachstbaumversand, wo man Bäume aus aller Welt bekommt, sicherlich auch solche Bäume erwerben (in geringem Maße werden sie sogar forstwirtschaftlich in Deutschland angebaut), zumindest derzeit noch sind sie aber eine unbedeutende Randerscheinung. Dort, wo dieser Baum dennoch zu finden ist, sorgen die Bezeichnungen aber für noch mehr Verwirrung: die Gewöhnliche Douglasie Pseudotsuga menziesii wird umgangssprachlich bei uns sowohl als Douglastanne, Douglasfichte & Douglaskiefer bezeichnet. Hier werden also nicht nur Tanne und Fichte in einen Topf geschmissen (das kennen wir ja bereits) sondern auch noch Kiefer und Douglasie mit in das Namenschaos genommen.

Das bringt uns zu eben jener Gattung: die Kiefern (Pinus spp.). Auch einige Arten dieser Baumgattung werden gelegentlich als Weihnachtsbaum in die warmen Stuben geholt. Da Kiefern aber recht schnell nach dem Schlag ihre langen Nadeln verlieren und im Vergleich zu Fichten und Tannen auch wesentlich kahler benadelt sind, haben sich die Kiefern nie wirklich durchsetzen können. Der erfolgreiche Baumhandel findet aber auch hier einen Weg: angepriesen als  „Weihnachtsbaum für Minimalisten“, bieten einige Händler die Waldkiefer (Pinus silvestris) als besonders hochpreisige Spezialalternative zum herkömmlichen Baum an. Das Verkaufsargument: durch die wenigen Nadeln kommt der Baumschmuck besonders gut zur Geltung. Was dabei verschwiegen wird: die dünnen Zweige der Kiefern können kaum Gewicht tragen, so dass der Weihnachtsschmuck gleichfalls karg ausfallen muss. Die ungleichmäßige Wuchsform spricht Individualisten an und generell gilt die Kiefer als ein „Liebhaber-Baum“ für Menschen, die sich durch das kahle Aussehen und den raschen Verlust der Nadeln nicht abschrecken lassen. Weihnachtsbaum mal neu gedacht. Hauptsache anders ist hier die Devise der Baumhändler.

Wegen des ebenso schnellen Verlustes des Nadelkleides sucht man auch Eiben (Taxus spp.) vergebens als Weihnachtsbaum. Gleichermaßen sind die Eiben zumindest als Waldbaum in heimischen Wäldern nahezu ausgerottet. Auch ihr langsames Wachstum machen sie nicht gerade zu einem geeigneten Kandidaten für das jährliche Baumschlagen.

Die Lärchen (Larix spp.), die als einzige heimische Nadelbäume gleich den Laubbäumen ihr Nadelkleid im Winter komplett verlieren und somit um diese Jahreszeit nur als Astgerippe zu finden sind, machen demnach ebenso wenig Sinn als winterliches Grün.

Besonders wirr wird es aber erst wenn man sich im Sortiment der künstlichen Weihnachtsbäume aus Plastik umschaut: hier sind der Kreativität bei der Benennung scheinbar keine Grenzen gesetzt. Ganz gleich welche Form diese Bäume haben und welchem Original sie nachempfunden sind (wenn überhaupt irgendeinem…) wird hier mit den Bezeichnungen nur so um sich geworfen. Hier kann man Kiefer-Tannenbäume, Fichtentannenbäume, Weihnachts-Tannenfichten, Kiefertannen, Blautannenfichten, Rotkieferfichten, Weihnachtslärchen und Blaulärchen finden, um nur einige zu nennen. Die Verwirrung ist damit komplett.

In diesem Sinne: viel Freude bei der diesjährigen Weihnachtsbaum Suche. Jetzt endlich mit botanischer Klarheit.